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Windows 8 ist Retro-Computing

Windows 3 nicht Windows 8
„Windows 3.0, Word and Excel Screen Shot“ via flickr by: Microsoft Sweden, lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 2.0 Generic Lizenz.

Interessant wie derzeit das Rad der Geschichte im Bereich Computer-Nutzung wieder zurückgedreht wird. Ein schönes Beispiel dafür ist Windows 8. Also das mit den Kacheln. Ich finde diese Art der Computernutzung voll Retro und erklär hier mal kurz, wie ich das meine.

Meine erste grafische Oberfläche, die ich auf meinem privaten PC (286er, 16 Mhz, 1MB RAM) Anfang der 90er Jahre installiert habe, war Windows 3.0. Da waren Symbole auf dem Schirm und wenn ich eins anklickte, öffnete sich entweder ein weiteres Fenster mit Symbolen oder ein Programm startete, z.B. der Zettelkasten oder Word. Die Oberfläche, auf die mich Windows 3 direkt nach dem Starten brachte, war nur dazu da, die installierten Programme mit einem Symbol, einem Icon, irgendwie gruppiert anzuzeigen, damit ich sie starten konnte. Außerdem konnte ich – falls Windows nicht crashte – sogar zwei oder mehrere Fenster nebeneinander offen halten und so leicht z.B. einen Textschnipsel aus dem Zettelkasten in ein Worddokument kopieren. Das fand ich schon einmal einen Fortschritt gegenüber DOS.

 

1995 kam dann Windows 95 und mit diesem System eine ganz andere Bedienung der grafischen Oberfläche. Alle (oder zumindest die meisten) Programm-Icons verschwanden vom Desktop und wanderten ins Startmenu. Endlich durfte ich auf dem Desktop meine eigenen Daten ablegen, die ich in Ordnern nach Gusto organisieren konnte. Meine Maus hatte dazu noch den Rechtsklick gelernt, der mir zu jeder Datei ein Kontext-Menu aufmachte, mit dem ich weitere Aktionen an der Datei ausführen konnte. Sehr praktisch.

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Windows 95 Desktop, Lizenz: gemeinfrei, Quelle: Wikipedia

Der große Fortschritt bestand für mich darin, dass (neben der noch nicht guten, aber immerhin verbesserten Technik) nun eine wirklich objektorientierte Oberfläche eingeführt worden war und ich meine eigenen Daten dabei sozusagen immer an der Spitze meines Mauszeiger hatte. Die installierten Programme traten dabei mehr und mehr in den Hintergrund.
Auch heute noch arbeite ich auf dem Desktop: bei allen Aufgaben und Projekten versammle dazugehörige Ordner und Dateien zuerst auf dem Desktop. Erst wenn die ganze Sache abgeschlossen ist, verschiebe ich die Daten in die Tiefen des Dateisystems. Desktop ist für mich also wirklich aufgabenorientierter Arbeitsplatz, dessen Objektorientiertheit ich als Arbeitswerkzeug begreife.

Windows 8: Paradigmenwechsel

Objektorientierte Oberflächen blieben dann ja auch nicht zu Unrecht ca. 15 Jahre lang Standard. Dann begann Dank Apple das Zeitalter der „Apps“ – der größte Paradigmenwechsel des Computings seit 20 Jahren.

Windows 8 by: Microsoft Sweden
„Windows 8“ via flickr von: Microsoft Sweden, lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 2.0 Generic Lizenz.

Das Wort App klingt ja irgendwie schon mal schön cool und so, als sei das was total Neues. Was es aber natürlich nicht ist, früher hieß das bloß anders. (Wenn ich meinem Sohn gegenüber von „Programmen“ rede, schaut er mich völlig verständnislos an. „Apps“ versteht er.)

Die Crux ist, dass eine Oberfläche, die nur noch Apps, bzw. deren Icons präsentiert, die Errungenschaft der Objektorientiertheit wieder aufgibt. Meine Daten, also das was ich ja selbst produziere, sind sekundär und auf Tablets und Smartphones oft nur schwer lokalisierbar. Und Dank Windows 8 nun auch auf dem PC.

Windows 8 treibt diesen Rückschritt sogar noch weiter und ist optisch und ergonomisch gesehen – sorry Windows-Fans – für mich nur ein neu gefliestes, gekacheltes Windows 3. Microsoft schafft es mit Windows-8-optimierten Apps oft sogar, erfolgreich den Mehrfenstermodus komplett auszublenden. Ich muss dann ein Fenster weiter wischen, um z.B. einfaches copy&paste zu bewerkstelligen. Dass die rechte Maustaste ungenutzt bleibt – davon mal ganz abgesehen.

Windows 8 auf dem PC ist Retro-Computing in Reinkultur – oder?

3 Comments

  1. Marco Marco 31. Januar 2014

    Ein sehr intelligenter und interessanter Gedanke. Vollkommen richtig, objektorientierte Bedienung (z.B. durch ein Kontextmenü) ist nur noch in Ansätzen vorhanden. Der Vergleich mit Windows 3 (hab ich nicht mitgemacht) ist übrigens voll lustig. Trotzdem sehe ich diese Entwicklung bei Windows nicht allzu problematisch. Metro kommt ersetzt schließlich nicht den Desktop, sondern kommt additiv dazu. Insgesamt wird Windows 8 eigentlich völlig unterschätzt. Ist schon etwas länger her, da hatte mich auch mal zum Thema Windows 8 geäußert.

  2. Tobias Tobias 15. Mai 2014

    Ich finde die Bedienbarkeit von Windows 8 auch sehr, sehr schlecht. Was die Maus- und Klickwege betrifft, ist das nun ein deutliches langsameres Arbeiten. Ganz zu schweigen, dass bereits versierte Windows-Nutzer sich erst mal umgewöhnen müssen. Nicht ohne Grund sind inzwischen wieder viele Hersteller dazu übergegangen, Windows 7 auf den Desktop-PCs auszuliefern.

    Mit Office 2013 bzw. der abstrusen 365-Variante sieht es da nicht besser aus. Hier gibt es von Microsoft sogar denn Zwang, die Installationsdateien per Default jedes Mal (!) neu aus dem Netz ziehen zu müssen. Was extreme Bandbreite kostet. Nur über Umwege kann man die Files lokal für weitere Installationen vorhalten. Und jedes Mal wenn ich glaube, mehr kann man nicht mehr schlimmer machen, setzt Microsoft noch eins oben drauf.

  3. Alex Alex 22. September 2014

    Endlich mal jemand der das genau so sieht wie ich. Ich installiere Programme und habe Programme auf den Desktop.
    Das mit den Apps ist ja nur eine Abkürzung von Applikationen.
    Wer kam denn auf die glorreiche Idee, dass ein Programm nicht mehr Programm heißt, sondern plötzlich Applikation?

    Sagt man demnächst auch nicht mehr programmieren, sondern applikieren? LOL

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