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Reha: Unter Gleichen

Das ging schnell. Und für mich – nach der Entlassung aus der Akut-Klinik und etwas mehr als vier Tagen Durchatmen und Fallenlassenkönnen zu Hause – dann doch fast zu schnell: Reha.

Und so bin ich seit einigen Tagen bereits in der Fachklinik Enzensberg im Allgäu in der neurologischen Rehabilitation.

Viele ganz ähnliche Erfahrungen: Schlaganfall

Ja, ich bin hier „unter Gleichen“. Denn jede/r hier kann eine ganz eigene Geschichte über Schlaganfall erzählen. Geschichten, die oft viel dramatischer verliefen als meine eigene und die oft viel schwerwiegendere Folgen nach sich zogen als meine persönliche Geschichte. Klar kann ich mich fragen: Hilft denn das, sich die schlimmen Geschichten anderer Betroffener anzuhören, wenn Du mit Deiner eigenen Geschichte noch so zu kämpfen hast? Und meine Antwort lautet vorsichtig: ja, es hilft, das eigene diffuse Erleben des Schlaganfalls klar zu kriegen.

Dass ich schnell an meinen durch den Schlag plötzlich „abgeschalteten“ oder eingeschränkten Möglichkeiten arbeiten muss, war mir bald klar. Und dieser Prozess begann schon in der Klinik am Krankenbett der Intensivstation (Frühreha), setzte sich zu Hause fort und bestimmt nun hier in der Klinik völlig meinen Tagesablauf.

Die Fachklinik Enzensberg ist momentan tief verschneit
Die Fachklinik Enzensberg ist im Januar 2021 tief verschneit

Reha bei strengen Corona-Maßnahmen

Klinikleben unter Corona-Bedingungen – das heißt: FFP2-Masken sind innerhalb der Klinik immer verpflichtend. Desinfektionsmittelspender sind allgegenwärtig.
Besuche sind nicht möglich. Auch ein Treffen mit Familienangehörigen draußen im derzeit üppig fallenden Schnee ist nicht erlaubt.
Alle Mahlzeiten werden im 3-Schichtbetrieb eingenommen, damit die Personendichte im Speisebereich jeweils möglichst reduziert ist. Zum Essen bekommme ich ein festes Zeitfenster zugewiesen. Am Tisch sitze ich von anderen durch Plexiglasaufbauten getrennt.
Alle Patienten werden bei Anreise und jede Woche auf Corona (schnell-)getestet – und ich habe schon etliche Mitpatienten gesprochen, die eine COVID-19-Infektion unterschiedlich stark erlebt und überstanden haben. Ich empfinde vieles als echte Zumutung, habe aber Verständnis für all die Maßnahmen und trage sie natürlich gerne mit.

Körperliche Herausforderungen gibt es jeden Tag genug: gegen den Schwindel ankämpfend mit geschlossenen Augen auf einer Wackelplatte auf einem Bein stehen etwa (konnte ich das vorher eigentlich?). Mit der elektrischen Zahnbürste meine taube Gesichtshälfte massieren und sich dann freuen, wenn ich etwas leicht spüre. Jemanden anrufen und mit dem beeinträchtigten linken Ohr, das immer noch nahezu gefühllos ist und auch nur noch zu ca. 20% hört, zuhören und verstehen üben. Bewusst mit der gefühlslosen linken Hand etwas tun, was mit Rechts ja viel leichter ginge. Hände, Arme und Beine trainieren… usw. Ich fühle mich hier gut durch die vielen Therapeuten unterstützt, die alle ihr „Handwerk“ verstehen und sehr freundlich und kompetent mit mir umgehen.

Einfach nur laufen

Oder einfach: aufstehen, hinsetzen, aufstehen – ohne dabei ins Wanken zu kommen.

Oder nur: laufen.
Was ein wenig Üben bringt, sehe ich daran, dass ich noch vor einer Woche keine paar Schritte frei gehen konnte, sondern mich von Wand zu Geländer zu Tisch zu Türgriff gehangelt habe, mich also quasi überall abstützen musste, um nicht um- oder hinzufallen.
Gestern dagegen bin ich – tada – fünfeinhalb Kilometer gelaufen, frei und ohne Abstützen oder Rollator – alles über die endlosen Klinikgänge hier. Je schneller ich dabei gehe, desto leichter fällt es mir, die „Spur“ zu halten. Langsam gehen, schlendern, ist für mich viel schwieriger. Interessante Erfahrung…

Schade, dass ich trotz meiner „Lauferfolge“ nocht nicht raus in den Schnee darf. Ich bin noch nicht in der Lage, auf dem rutschigen Untergrund zu laufen. Die Sturzgefahr wäre zu groß. Und so stehe ich oft am Fenster und schaue sehnsuchtsvoll hinaus…

Laufen üben in den Klinikgängen
Ich gehe kilometerweit in der Klinik über die Flure

Funktionieren? Und was noch mehr?

Viele Freunde und Bekannte fragen unwillkürlich, wenn sie sich nach meinem Befinden erkundigen: „Funktioniert denn wieder alles?“ Das ist lieb gemeint und zeigt mir, dass sich jemand Sorgen um meine körperliche Verfassung macht. Aber im Stillen dachte ich mir mehrfach: Will ich denn wieder nur „funktionieren“? Denn das Wiedererlangen rein körperlicher „Funktionen“ ist ja nur die eine Seite der Medaille nach meinem Schlaganfall.
Diese Fokussierung aufs bloße „medizinische Funktionieren“ ist zwar verständlich, löste aber in den vergangenen Tagen bei mir durchaus den ein oder anderen Verzweiflungsschub aus. Ich hatte einfach das Gefühl, dass niemand (außer meiner Familie und einigen Freunden) wahrnehmen wollte, wie sehr mein Schlag auch meine Seele getroffen hat.

Ich trat die Reha darum mit einem Gefühl tiefer innerer Erschöpfung an. Darum schreibe ich eingangs: mir kam die Reha zu schnell. Zu Hause konnte ich mich fallen lassen, aufmachen und aussprechen. Aber in der Klinik versuchte ich, stark zu sein, war gefasst und „tapfer“ (warum eigentlich?).

Lebensfragen

Unbeantwortet ist für mich auch die Frage: wird „es“ wiederkommen? Kann da nochmal so ein Schlaganfall auf mich einprügeln – womöglich sogar stärker als zuvor? Wie finde ich mit dieser Ungewissheit wieder zu meiner inneren Balance, zu einer Leichtigkeit, Unbeschwertheit? Ist die Zuversicht, die ich mit meinen Worten bekunde, überhaupt echt? Sind all die Tränen in mir schon geweint? Kann ich an Gott festhalten? Hält er mich noch fest? Geht er meinen Weg mit? (Kann ich das weiterhin glauben?)

Der Schlaganfall hat mich verändert. Äußerlich, weil ich mich körperlich eingeschränkt und verändert erlebe. Aber innerlich sicher auch – und ich weiß noch nicht wie…
Es ist Reha-Zeit.
Die Fragen überwiegen.

Rehaklinik in Weiß
Blick aus dem 6. Stock auf das verschneite Klinikgelände

4 Comments

  1. Sven 18. Januar 2021

    Hallo Ulrich,

    es freut mich, von dir zu lesen. Du beschreibst sehr anschaulich, wie es in dir aussieht und ich kann mich gut in dich hineinfühlen.

    Ich musste auch schon durch Situationen in meinem Leben, die mich schwer getroffen haben – so schwer, dass es ohne Hilfe mir fremder Menschen nicht weiterging (https://blog.svenbrier.de/therapie-oder-wie-ich-es-nenne-fortbildung/).

    Was ich in dieser Zeit gelernt habe, ist, dass es heilende Wirkung haben kann, sich selbst zu gestatten schwach zu sein und Hilfe anzunehmen. Dass die Hilfe von Fremden kam, war sogar hilfreich.

    Zweifel waren damals bei mir ebenfalls ein großes Thema: Unentschlossenheit gepaart mit Angst waren gegenwärtig. In diesen Situationen habe ich in mich hineingehört und dort oft die Antwort gefunden, die ich eigentlich schon kannte.

    Ich wünsche dir weiterhin Kraft und innere Ruhe.
    Sven

  2. Ulrich Berens 20. Januar 2021

    Danke, lieber Sven, für Deine Worte. Nach all Deinen Erfahrungen kann ich mir gut vorstellen, dass Dir meine Situation durchaus vertraut ist. Sich selbst zu gestatten, schwach zu sein, ist ein auch für mich wichtiger Punkt gewesen. Und auch der Blick auf meine persönlichen Ressourcen, die mir helfen, all das nicht nur wegzustecken, sondern so zu verarbeiten, dass es mich weiterführt und ich Innerlich hoffnungsvoll sein kann. Das gelingt – je nach Verfassung – mal besser und auchmal weniger gut. Wie sagt man so schön: ich versuche, die Nase über Wasser zu halten…

  3. Hubert 21. Januar 2021

    Lieber Ulrich,
    zufällig mal wieder auf Facebook bin ich auf deinen Block gestoßen – gut, dass ich mal wieder in Facebook war, schön von dir zu lesen. Was du schreibst, lässt mich mit sehr ambivalenten Gefühlen zurück. Was die „körperliche“ Seite betrifft, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, wenn ich z.B. eine Gesichtshälfe mit der Zahnbürste massiere, ohne was zu spüren… Ich stelle es mir eher gruselig vor. Ich wünsche dir, dass du hier zunehmend „tada“-Erlebnisse hast und bald auch wieder gemächlich gradlinig gehen kannst.
    Dass das alles auch eine tiefere Seite hat, die über das Funktionieren hinausgeht, kann ich sehr gut nachvollziehen und mitvollziehen, was hier gerade in der vorgehen mag. Vor gut 10 Jahren lag ich – nach massiven Sehstörungen – selbst einen Tag mit Verdacht auf Schlaganfall auf der Intensivstation. Der Verdacht hatte sich dann war nicht bestätigt, aber es gab auch keine Antwort auf die Frage, was denn jetzt der Auslöser gewesen ist. Vieles konnte ich verdrängen, weil sich schon auf der Intensivstation keine weiteren Symptome zeigten und ich auch keine weiteren Einschränkungen hatte, dennoch hat es auch bei mir und noch mehr bei Brigitte, die sich um mich viele Sorgen machte, ähnliche Fragen aufgeworfen, wie du sie dir stellst. Ich finde es toll, dass du diese Fragen zulässt und nicht verdrängst, auch wenn es Fragen sind, die Kraft und Energie kosten und auf die es keine leichten und erst recht keine schnellen Antworten gibt. So wünsche ich dir weiterhin viel Mut und immer einen Funken mehr Zuversicht als Zweilfel, oder, wie die Rheinschiffer sagen, immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.
    Liebe Grüße, auch an Lisa
    Hubert

    • Ulrich Berens 26. Januar 2021

      Lieber Hubert, danke für deine Zeilen. Ja, du hast recht: vieles von dem, was ich an mir körperlich wahrnehme (oder eben auch: nicht wahrnehme), verstört mich genauso wie dich die Vorstellung daran. Mich erinnert gerade das Taubheitsgefühl oft an eine Rückenmarksnarkose. Du schaust an dir herunter und denkst: aha, es ist ja noch alles da, aber dennoch fühlt es sich abwesend fremd an, weil du nichts spürst und dagegen auch nichts machen kannst. Immerhin – und das macht mir Hoffnung – sagen Therapeuten und Ärzte unisono, dass bei meiner sichtbaren schnellen und positiven Entwicklung die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass ich die Empfindungen wiedererlange. Nur die Zeitangaben variieren, sie liegen zwischen acht Monaten und zwei Jahren (oder noch länger). Und dann merke ich, wie ich tief Luft hole, und mir vorstelle, wie es wohl ist, mit dieser Taubheit zwei Jahre klarkommen zu müssen. Ich denke, den Blick einfach nur auf die nächsten Schritte zu lenken, die anstehen, ist aufbauender. Ich brauche eben Geduld mit mir. Und das übe ich jetzt ?

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