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Mein Schlag

Das habe ich gelernt: Um warnende Anzeichen als das, was sie sind, zu verstehen, muss ich erstmal wissen, dass es warnende Anzeichen, Vorboten für Schlimmeres sind.
Vielleicht aber ist es auch besser, ahnungslos zu bleiben?

Meine Schlaganfall-Vorboten

In den Wochen vor Weihnachten gab es diverse Vorboten für den Schlaganfall, ich konnte sie aber nicht einsortieren. Wie immer unternahm ich in der Kälte lange Spaziergänge mit den Hund. Das Gefühl der Taubheit, dass ich sporadisch im linken Teil der Oberlippe und auf der linken Kopfhaut sowie auf meinen linken Arm bemerkte, schrieb ich der Kälte zu. (Als ob Kälte jemals zuvor so etwas wie Empfindungs-Taubheit bei mir ausgelöst hätte). Diese Erklärung schien naheliegend, zumal die Taubheit ja nicht blieb, sondern sich vielmehr wieder verzog. Als ich dunkle Schatten sah, die meinen Blick einrahmten, ging ich vor zwei Wochen zum Augenarzt, der die Schatten mit einem fortschreitenden Grauen Star erklärte. Auch das erschien naheliegend. Wer denkt bei so etwas auch ernsthaft schon an Schlaganfall?

Wie nahm ich den Schlaganfall wahr?

Mein „Schlag“ begann dann mittags mit diffusen Kopfschmerzen, die mich als Migräniker auch nicht sehr beunruhigten, weil sie eigentlich seit Jahr und Tag immer irgendwie zum Gepäck gehören. Eine ebenso alltägliche körperliche Anstrengung ließ sich den Kopfschmerz dann aber in einer Art gefühlter Explosion entladen. Aufsteigend vom Hals-Schulterbereich entlud sich die Explosion in einem irrwitzigen heftigen Schmerz in meiner Schädelrückwand. Ich hielt mir unwillkürlich den Kopf mit den Händen und musste mich hinlegen.
Nebenbei interessant: wenn man im Netz nach Illustrationen für das Wort „Schlaganfall“ sucht, findet man relativ viele, die einen menschlichen Schädel zeigen, in den ein Blitz einschlägt. Mag ein bildgewordenes Klischee sein. Aber nun nach eigener Erfahrung trifft es das eigentlich doch ziemlich gut.

Ein paar Minuten nur, dann war „es“ vorbei. Aber ob das der Schlag oder der unmittelbare Vorbote war, kann ich nicht sagen. Meine Aussetzer begannen jedenfalls erst spätnachmittags und abends mit voller Wucht. Am Auffälligsten war zuerst: ich konnte nichts mehr fokussieren, die Welt um mich herum bewegte sich scheinbar unaufhörlich. Ich taumelte durch die Wohnung wie auf einem kleinen Boot auf dem aufgewühlten Ozean mitten in einem Jahrhundert-Orkan. Der Weg zur Toilette glich einer Sturmfahrt auf wild schwankenden Planken. Das Dauerschwanken verschwand nicht. Selbst liegen war nicht mehr möglich. Mir war übel, ich übergab mich mehrmals. Am Ende konnte ich allein weder Aufstehen noch überhaupt laufen. Zum Glück ist unsere direkte Nachbarin Notärztin. Sie stand uns dann bei und rief am Ende den Krankenwagen und sagte im Krankenhaus Bescheid. Weil meine neurologische Ausfälle immer krasser wurden, veranlasste sie auch die sofortige Überweisung an die nächste neurologische Fachklinik.

Ich habe nicht oder nur in kleinen Teilen mitbekommen, wie die Überführung dorthin ablief. Ich erinnere mich noch, dass mir öfter einmal kalt war, immer wenn es vom Warmen in die Kälte und dann in den Rettungswagen ging.

Ich erinnere mich noch, dass ich immer wieder vieles gefragt wurde, wohl auch um meine Geisteswachheit einschätzen zu können:

  • Wissen Sie wo Sie jetzt sind?
  • Wie heißen Sie?
  • Wo wohnen Sie?
  • Wissen Sie Ihr Geburtsdatum?
  • Welchen Wochentag haben wir heute?
  • usw.

Bei der Frage: „Können Sie sich aufsetzen?“, bejahte ich freudig und schwang mich mit Verve links aus dem Bett, um dann vor den Augen einer verdutzten Krankenschwester direkt auf dem Boden zu landen. Ups, was war passiert? Ich hatte alles wie immer gemacht, konnte aber mein Gleichgewicht nicht halten. So einfaches Zeug – plötzlich so schwer…!

Ich schaute mich im Handy mit der Selfiekamera an: mein Mundwinkel hing herunter. (Und ich entdeckte: ein wenig lächeln kaschiert das zumindest!)

Diagnose Hirnblutung 

Was war eigentlich medizinisch mit mir passiert? Ziemlich schnell landete ich vom Rettungswagen in der Computertomografie. Ein so gewonnenes Bild von meinem Schädelinneren zeigte eine Gehirnblutung. Die Ärzte vermuten Haarrisse in den Blutgefäßen im Gehirn, verursacht durch das Blutgerinnungsmedikament Xarelto, die immer wieder Blut austreten ließen, etwa bei Blutdruckspitzen meines Körpers zB. bei stärkerer Anstrengung.

Wenn das stimmt, dann wäre mein Schlag die Spätfolge meiner Lungenembolien, die nun vier Jahre zurück liegen und ursächlich für die dauerhafte Xarelto-Medikamentation sind. Und das heißt, dass ich derzeit gleich zwei große Baustellen habe, die ich angehen muss.

Welche Einschränkungen habe ich aktuell?

Jetzt eine knappe Woche nach dem Schlag, muss ich mir mühsam den Kontakt zu meiner linken Körperhälfte wieder erarbeiten. Links bin ich quasi taub. Ich kann vom Gefühl her sensorisch nicht unterscheiden, ob ich zB. meinen linken Oberschenkel anfasse oder etwa ein prall gefülltes gespanntes Kissen. Meine linke Gerichtshälfte, meine Hand, meine Kopfhaut links… einfach alles fühlt sich fremd und nicht zu mir selbst gehörig an. Das Gefühl kann verzweifelt machen oder kirre.

Ich kann nicht mehr allein stehen – allein sitzen gehr immerhin wieder. Allein laufen nicht. Das linke Bein verhält sich unkooperativ. Es knickt einfach weg oder steht falsch, als suche es seine eigentliche ihm bestimmte Aufgabe im Zusammenspiel meiner Bewegungen. Die Hände gehorchen mir halbwegs und greifen sicher zu. Gott sei Dank. Meine Augen werden schnell müde. Dinge bewegen sich, von denen ich weiß, dass sie sich eigentlich nicht bewegen., sie werden zum Beispiel unaufgefordert von allein größer oder ziehen sich plötzlich zurück. Vorstufen von Halluzinationen.

2.Tag danach. Es geht noch nicht sehr viel. Aber: ich lebe!
2.Tag danach. Es geht noch nicht sehr viel. Aber: ich lebe!

Psychisch entsteht durch all das ein Gefühl des Umzingeltseins vom eigenen Unvermögen. Ich werde wütend und bin ungeduldig. Kämpfe gefühlt gegen einen heimtückischen unsichtbaren Gegner. Mich belastet, dass ich über Weihnachten und wahrscheinlich für lange Zeit in Neue Jahr meine Familie allein lassen muss(te). Denn Betroffen bin nicht nur ich. Wie geht es meinem Schatz, den Kindern? Alle haben das Lungenemboliedrama vor Jahren ja schon einmal durchmachen müssen und – wie ich weiß – einen Horror vor solchen Situationen.

Dankbar sein dürfen

Dennoch: ich bin für vieles sehr dankbar: für meine Familie, für freie Intensivbetten trotz COVID-19-Pandemie. Für viele besorgte, aufmunternde Worte von Freunden. Fürs Erkundigen nach mir, Kontakt halten und an mich denken. Für Gebete. Für all die kleinen luxuriösen Dinge, die man im normalen Alltag als irgendwie selbstverständlich vorhanden annimmt, die aber alles andere als das sind. Ich bin dankbar für die zwei Geflüchteten aus Afrika, die mich (und nicht nur mich!) in den vergangenen Tagen gepflegt, gestützt, versorgt und gewaschen haben. 
Es gibt so viel Gutes, wir müssen es nur sehen!

Ich schreibe diese Zeilen vom Krankenbett im BKH Günzburg. Und freue mich, dass ich das noch kann: Es bleibt ein kleines Glück!

17 Comments

  1. Hedi Leib 25. Dezember 2020

    Lieber Uli,
    es ist bewundernswert, wie du alles so beschreibst und uns so eine Ahnung gibst, wie es dir geht! Danke und liebe Grüße

  2. Claus Härpfer 25. Dezember 2020

    Hi Catweazle,

    auch ich hatte einen solchen „Vorfall“, einen Bandscheibenvorfall. Ja auch ich weiß um die Vorboten und die Warnungen und doch ….. ich habe diese verdrängt da ich meinte, es geht nicht ohne mich……
    Das stimmt nicht, es geht ohne mich aber eben anders.
    Danke für Deinen persönlichen Blog.

    Gruß
    Claus

  3. Andreas D. 26. Dezember 2020

    Gute Besserung nach diesem Schlag! Und vielen Dank für diese Beschreibung, die ich vor Jahren bei meinem Vater ähnlich beobachten konnte. Mir hat sie damals viel Angst gemacht, weil ich die Situation nicht einschätzen konnte – Kontrollverlust. Heute geht es meinem Vater wieder blendend. Das wünsche ich Ihnen und ihrer Familie auch.
    Möge die jetzt heller werdende Natur Ihnen ein Ansporn und eine Führung sein.

    • Ulrich Berens 7. Januar 2021

      Vielen Dank, Andreas! Ich mache es einfach wie Ihr Vater ?

  4. Melanie Reimann 26. Dezember 2020

    Du schaffst das , lieber Uli!!!
    Ganz fest denken wir an Dich !
    Und denken auch an Lisa , die es jetzt auch nicht einfach hat …. und natürlich auch an Elias und Leann

    Bussi
    Melanie mit Michel und Frederik

    • Ulrich Berens 7. Januar 2021

      ♥️♥️♥️

  5. Ulrich Hoffmann 26. Dezember 2020

    Lieber Uli,
    ich wünsche Dir von Herzen alles Gute und Gottes Segen! Dein „Schlag“ zu Weihnachten hat mich und uns sehr erschüttert, umso mehr bin ich dankbar für Deine Zeilen, in denen Du etwas Einblick gibst in Deine augenblickliche Situation.
    Ich bin in Gedanken auch bei den Deinen, die sich um Dich sorgen und mit denen Du heuer nicht Weihnachten feiern konntest – grüße sie ganz herzlich und lieb von mir und uns.
    Nun wünsche ich Dir Geduld, Gelassenheit und auch Vertrauen, daß Du wieder Kontakt findest „zu Deiner linken Hälfte“, zu Deiner „Ganzheit“!

    Ich und wir sind Dir und Euch verbunden!
    Ulrich mit Familie

    • Ulrich Berens 7. Januar 2021

      Lieber Uli, ich habe mich über deine Zeilen gefreut! Bis bald hoffentlich!

  6. De Benny 26. Dezember 2020

    Hallo Uli,
    erst mal gute Besserung! Und viel Geduld und Kraft, für das, ja, wie sagt man da? Wiedererlernen des Verlorenen?
    Danke auch für den Artikel. Ich hatte keine Ahnung, daß sich ein Schlag ankündigt, daß es Vorzeichen gibt bzw wie das für Betroffene überhaupt ist.
    Alles Gute und Gottes Segen.

    • Ulrich Berens 7. Januar 2021

      Danke Benny ?

  7. Doro Thorn 26. Dezember 2020

    Uli! Danke für diese anschaulichen Zeilen. Werd gesund, so gut es geht. In deinem Tempo. Lass uns 2021 mal wieder was unternehmen. So ein richtiges Treffen. Wir wünschen uns mit festem Willen und unkaputtbarer Konzentration ein langweiliges Jahr. Frohe Weihnachten ? Doro

    • Ulrich Berens 7. Januar 2021

      Hey Doro, Deine Idee ist gut! Das machen wir! ?

  8. Stefan H. 27. Dezember 2020

    Wir kennen uns nicht, aber ich habe vorn Deinem Schlaganfall gelesen. Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute und gute Besserung – auf das Du wieder ganz gesund wirst!

    • Ulrich Berens 7. Januar 2021

      Danke für die liebe Rückmeldung!
      Als Gute für 2021!

  9. Manfred Höchenberger 28. Dezember 2020

    Lieber Uli, danke für Dein Erzählen. Über Facebook bin ich gerade auf Deinen Blog hier aufmerksam geworden. Ich fühl mich geschockt und auch irgendwie erleichtert und wünsche Dich in gute professionelle Hände und von tausend Händen und Gebeten mitgetragen. pace e bene, da Manze

  10. Ulrich Berens 6. Januar 2021

    Ich danke Euch allen! Eure Gedanken und Worte tun mir gut!

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