Wie viele Ängste, so frage ich mich oft, die in meiner Familie von Generation zu Generation weiter gegeben werden, haben wohl ihren Ursprung im Krieg? Manchmal kommt es mir vor, als sei unsere familiäre Landkarte 70 Jahre später immer noch dominiert von diesen zwei großen Weltkriegen, die wie große Kontinente der Angst noch immer unseren inneren Kompass bestimmen… Und auch das Folgende, über das ich schreiben möchte, hat seine Wurzeln in dieser Kriegs- und dann vor allem Nachkriegszeit.
Infarkt
Im Krieg Anfang der 40er Jahre hatte mein Vater mit 5 Jahren seinen Vater verloren, er erlag einem Herzinfarkt direkt nach einer Bombennacht. Der ältere Bruder meines Vaters, Werner, war zu dieser Zeit als junger Soldat in Russland eingesetzt und dann ab etwa 1944 verschollen, niemand wusste, ob er noch am Leben war.
Meine Oma war eine pragmatische Frau, die sich und ihr kleines Kind, meinen Vater, versorgt wissen wollte. Sie heiratete recht bald nach dem Verlust ihres Ehemanns einen befreundeten Witwer und zog mit meinem Vater zu ihm aufs Land.
Heimkehr

1953 kehrte dann Werner, der verschollene Bruder meines Vaters, äußerlich unverletzt, aber sichtlich gezeichnet von Krieg und Gefangenschaft in ein gänzlich neues Zuhause zurück.
Mein Vater erzählte mir als Kind immer wieder, wie froh alle gewesen seien, dass Werner wieder da war. Ein Fest habe es gegeben, die ganze Verwandtschaft sei gekommen und mächtig stolz sei er gewesen, einen großen Bruder zu haben, der so stark und mutig alle Strapazen als Soldat und noch mehr als Gefangener in sowjetischen Lagern ertragen und überlebt hatte.
Und für Werner muss sein kleiner Bruder, den er zuletzt als Kleinkind gesehen hatte, etwas sehr Belebendes gehabt haben, das es ihm erleichterte in der Heimat wieder anzukommen.
Unglück
Doch das Glück und die Freude über Werners unversehrte Heimkehr sollte nur kurz andauern: zwei Monate nach seiner Heimkehr verunglückte er mit seinem schweren Motorrad tödlich.
Welches familiäre Erdbeben dieser plötzliche und sinnlose Tod bedeutete, kann ich aus den vielen Geschichten, die sich darum rankten, nur erahnen. Dass es für meine Familie sehr schlimm war, wusste ich: meiner Oma und auch meinem Vater kamen immer die Tränen, wenn sie davon sprachen. Dass es für meinen Vater aber mehr war, ein regelrechtes Trauma sogar, bekam ich zu spüren, als ich Abitur machte und danach dann – als erstes Kind meiner Eltern – meinen Führerschein machen wollte.
Auf keinen Fall Motorrad
Als ich meinem Vater eröffnete, ich wolle nicht nur den PKW-Führerschein machen, sondern auch den Motorrad-Führerschein, ist er regelrecht ausgerastet. Ich weiß noch wie heute, dass er mich an den Schultern packte und mir in bebendem Ton mit Tränen in den Augen klar machte, dass er es nicht „überleben“ würde, dass er keine ruhige Minute mehr haben könnte, wenn er mich auf einem Motorrad unterwegs wüsste. Und ich sollte doch – Bitte! – auf diesen mörderischen Führerschein verzichten!
Meinem Vater stand die nackte Angst ins Gesicht geschrieben – was also sollte ich tun? Meine Mutter saß ebenfalls dabei und ich sah ihren Blick, der mir sagte: Tu ihm das nicht an! Sollte ich einfach meinen Wunsch durchsetzen, beide vor den Kopf stoßen und mir dann auf ewig Vaters Vorwürfe, sein Lamentieren anhören und mich seiner Angst aussetzen?
Immer schon galt ich als der Vernünftige und Besonnene der Familie: und auch diesmal gab ich nach und verzichtete so auf meinen Motorradführerschein. (Ab und zu bin ich dann in der Folge auf dem Motorrad von Freunden mitgefahren – natürlich ohne zu Hause davon zu erzählen.)
Der Bruder machts anders
Mein jüngerer Bruder Piet machte es zwei Jahre später dann genau anders: anfangs ohne das Wissen und dann bewusst gegen den Willen unseres Vaters machte er seinen Motorradführerschein. Es kam zwischen den beiden zu einer ähnlichen Szene, es gab aber richtig Streit, mein Bruder schrie, er lasse sich nicht vom Geist eines toten Onkels, den er gar nicht mehr kennengelernt habe, seinen Motorradwunsch kaputt machen, man könne im Auto ebenso einen Unfall haben wie mit dem Motorrad… und mein Vater brüllte verzweifelt dagegen, er bringe ihn ins Grab, dann solle er besser gleich seine Sachen packen… und die Sache kochte sich hoch – einige Wochen lang, in denen beide nicht mehr miteinander redeten.
Am Ende gab Piet nach suchte doch wieder das Gespräch mit meinem Vater. Er sagte ihm, er wolle in Zukunft nicht mehr Motorrad fahren und er werde seine eigene Maschine verkaufen.
Wir alle waren froh, dass der Streit beigelegt schien. Wir haben Piets Entscheidung verstanden. Und wir alle konnten spüren, wie sehr erleichtert Vater war.
Inzwischen sind Jahre vergangen, mein Vater ist vor Jahren gestorben und mein Bruder hat sich dann nach seinem Tod doch wieder ein Motorrad gekauft.
Wenn ich mit Piet über diese Zeit rede, die für uns damals der Übergang zum Erwachsenwerden und Selbstständigsein war, dann landen wir immer unweigerlich bei dieser greifbaren Angst unseres Vaters. Es ist so, als umschwebe diese Angst uns noch immer, sie ist immer noch spürbar und hat Bedeutung für uns, auch wenn wir sie nie so haben nachempfinden können.
Ich denke, wir haben irgendwann diese Angst unseres Vaters respektiert. Wir haben gespürt, damit war etwas anders, da ging es nicht – wie sonst oft – um alltägliche Sorge oder um das Durchsetzen von väterlicher Autorität, sondern diese Angst war eine so existentielle Bedrohung für ihn, das sie ein Teil von seiner Biographie, seiner Familiengechichte und seiner Person selbst war. Seine Angst hatte für uns eine „eigene Autorität“, sie war nicht wegzudiskutieren, weil sie durch ihn selbst, durch sein Leben hindurch gegangen ist.
Als meine eigenen Kinder selbstständig wurden und den Führerschein machten, ploppte die Angst meines Vaters in mir wieder auf – wie eine unangenehme alte Bekannte. Sie zog sich erst wieder zurück und wich Erleichterung, als klar war: meine Kinder wollten gar keinen Motorrad-Führerschein machen.
… und von Ferne schaut Werner zu.

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